Energie / Umwelt / Arbeitsschutz

Exoskelette in der Intralogistik

Für welche Prozesse sie sich lohnen – und warum passive Systeme meist die Nase vorn haben

In diesem Blogartikel erhalten Sie einen Überblick über den europäischen Markt für Exoskelette in der Intralogistik: welche Prozesse von den tragbaren Stützsystemen profitieren, worin sich aktive und passive Systeme unterscheiden – und wann sich die Investition wirtschaftlich rechnet.

Kommissionieren, Beugen, Heben, Verpacken – wiederkehrende Bück- und Hebebewegungen gehören in fast jedem Lager zum Tagesgeschäft. Und sie haben ihren Preis: Muskel-Skelett-Erkrankungen sind in Deutschland einer der häufigsten Gründe für Arbeitsunfähigkeit. Kein Wunder, dass Exoskelette – tragbare mechanische Stützstrukturen, die Rücken, Schultern oder Beine entlasten – in immer mehr Lagern und Verteilzentren zum Alltag gehören, nicht mehr nur zum Pilotprojekt.

Der Markt ist dabei größer und unübersichtlicher geworden, als viele Verantwortliche denken. Dieser Beitrag ordnet die europäische Anbieterlandschaft neutral ein, zeigt, für welche Prozesse sich Exoskelette überhaupt eignen, und rechnet vor, wann sich die Investition wirtschaftlich lohnt.

Was ist ein Exoskelett – und wie unterscheiden sich aktive und passive Systeme?

Ein Exoskelett ist eine am Körper getragene Stützstruktur, die Belastungsspitzen abfängt und Kraft gezielt umleitet – etwa vom unteren Rücken auf die Oberschenkel. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Bauarten:

Passive Exoskelette

  • arbeiten rein mechanisch
  • Federn oder elastische Elemente speichern die beim Bücken aufgebaute Energie und geben sie beim Aufrichten wieder ab.
  • Sie benötigen keinen Akku und keinen Motor.

Aktive Exoskelette

  • unterstützen mit motorisierter Kraft und sind meist batteriebetrieben
  • können höhere Lasten kompensieren
  • benötigen dafür Ladezyklen und Wartung der Elektronik
  • bringen deutlich mehr Gewicht auf den Körper.

Am Fraunhofer IML werden sowohl aktive als auch passive Exoskelette unterschiedlicher Hersteller auf ihre Eignung für Logistiktätigkeiten hin überprüft – ein Hinweis darauf, dass die Frage „aktiv oder passiv“ in der Fachwelt noch keineswegs einheitlich beantwortet ist, sondern von der jeweiligen Tätigkeit abhängt.

Für welche Prozesse eignen sich Exoskelette in der Intralogistik?

Nicht jeder Arbeitsplatz profitiert gleichermaßen. Exoskelette entfalten den größten Nutzen dort, wo wiederkehrende, vorhersehbare Bewegungsmuster mit Beuge- oder Hebeanteil über die gesamte Schicht auftreten:

Geeignet

  • Kommissionierung – insbesondere bei niedrigen Regalebenen oder Bodenplätzen mit häufigem Bücken
  • Verpackung und Versandvorbereitung – wiederholtes Greifen, Heben und Absetzen am Packtisch
  • Wareneingang und Entladung – Ent- und Beladen von Gitterboxen, Kartons, Paketen
  • Retourenbearbeitung – ähnlich beanspruchend wie Kommissionierung, oft mit unregelmäßigeren Lasten
  • Palettieren und Stapeln – repetitives Heben in wechselnder Höhe
  • Be- und Entladen von LKW/Gepäck – hohe Taktzahl, oft unter Zeitdruck (siehe Praxisbeispiel Flughafen weiter unten)

Weniger geeignet

  • Überwiegend sitzende Tätigkeiten – etwa an stationären Arbeitsplätzen oder bei längeren Fahrzeiten
  • Fahrzeugführung – zum Beispiel bei Staplerfahrern oder Kommissionierfahrzeugen
  • Arbeiten mit hoher Bewegungsfreiheit – insbesondere bei Tätigkeiten, die schnelle oder uneingeschränkte Bewegungen in alle Richtungen erfordern
  • Beengte Nischenarbeiten – wenn wenig Platz vorhanden ist und das Exoskelett Bewegungsabläufe zusätzlich einschränken könnte
  • Arbeitsplätze mit technischen Hebehilfen – sofern vorhandene Systeme die körperliche Belastung bereits ausreichend reduzieren
  • Bestehende Rückenerkrankungen – Einsatz nur nach Abstimmung mit dem Betriebsarzt und vorheriger medizinischer Abklärung

Marktüberblick: Europäische Anbieter im Vergleich

Der europäische Markt ist breiter aufgestellt, als oft angenommen. Eine Auswahl relevanter Anbieter für die Intralogistik:

Exoskelett-Anbieter für die Intralogistik im Überblick
Hersteller (System) Land Bauart Körperregion Besonderheit
hTRIUS (BionicBack) Deutschland Passiv Rücken Sehr leicht (1,28 kg), AGR-Gütesiegel, „Made in Germany“
Ottobock (Paexo / iX Back Air) Deutschland Passiv + aktive Variante iX Back Voltan Rücken, Schulter Breitestes Portfolio, eigener ROI-Rechner
German Bionic (Cray X, Apogee, Exia) Deutschland Aktiv Rücken KI-gestütztes Datendashboard, RaaS-Modell
Laevo Niederlande Passiv Rücken / Brust Pionier seit 2013, wissenschaftlich am besten untersucht
Skelex Niederlande Passiv Schulter Ursprung in Airbus-Projekt für Überkopfarbeiten
Auxivo Schweiz Passiv Rücken / Beine Breites Modellspektrum für Industrie
Comau (MATE) Italien Passiv Schulter Tochter von Stellantis, Federstruktur

Auswahl relevanter Anbieter für die Intralogistik, ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand: Juli 2026).

Auffällig: Bei den aktiven Systemen dominiert mit German Bionic ein einzelner, stark auf Konnektivität und Datenanalyse setzender Anbieter. Bei den passiven Systemen ist die Auswahl deutlich breiter – und genau hier liegt für die meisten intralogistischen Prozesse auch der wirtschaftlich sinnvollere Ansatz, wie der folgende Abschnitt zeigt.

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hTriUs BionicBack im Fokus: der Kosten/Nutzen-Favorit

Innerhalb der passiven Systeme sticht das BionicBack von hTRIUS aus unserer Sicht besonders hervor – nicht durch die meisten Features, sondern durch ein außergewöhnlich gutes Verhältnis von Investition zu Wirkung:

  • Gewicht: Mit nur 1.280 Gramm ist es eines der leichtesten Systeme am Markt – deutlich leichter als vergleichbare Rücken-Exoskelette anderer Hersteller (rund 3–4 kg bei passiven, 6–8 kg bei aktiven Systemen).
  • Preis: Mit rund 3.000 Euro Anschaffungskosten liegt es spürbar unter vergleichbaren passiven Systemen wie dem Ottobock Paexo Back, das einmalig etwa 5.900 Euro kostet.
  • Wirkung: Der Hersteller gibt eine Dämpfung von Belastungsspitzen um bis zu 30 Prozent an (Herstellerangabe, unabhängige Vergleichsstudien zu einzelnen Modellen stehen noch aus).
  • Qualitätssiegel: Als eines von wenigen Systemen trägt das BionicBack das AGR-Gütesiegel der Aktion Gesunder Rücken e.V., das nur besonders rückenfreundlichen Produkten verliehen wird.
  • Praxisnachweis: Bei GV Lacke, wo zehn BionicBack-Exoskelette meist ganztägig getragen werden, gab es seit der Einführung keine Ausfälle mehr aufgrund von Rückenproblemen. Auch am Flughafen Stuttgart ergänzen inzwischen sechs passive BionicBack-Systeme die dort bereits vorhandenen aktiven Exoskelette im Gepäckbereich.

Der geringe Preis bei gleichzeitig geringem Gewicht macht das BionicBack besonders für den flächendeckenden Einsatz interessant: Wo ein aktives System pro Kopf schnell vierstellig im Jahr kostet (siehe TCO-Vergleich unten), lässt sich mit einem passiven System wie dem BionicBack ein ganzes Team zu einem Bruchteil der Kosten ausstatten – bei täglich durchgehender Tragbarkeit ohne Ladezyklen.

Aktiv vs. passiv: Warum Gewicht und Kosten oft den Ausschlag geben

Das Beispiel Flughafen Stuttgart zeigt exemplarisch, wo die Grenzen aktiver Systeme liegen: Ein Mitarbeiter berichtet, dass aktive Exoskelette den Bewegungsspielraum merklich einschränken und mit sechs bis acht Kilogramm zusätzlichem Gewicht bei ständigem Bücken über den Tag mehr als eine Tonne Extragewicht bedeuten – weshalb sie dort zunächst nur in besonders lastintensiven Phasen eingesetzt wurden, während die leichteren passiven Systeme durchgehend getragen werden können.

Hinzu kommt der Kostenfaktor: Aktive Systeme werden meist im Abo- bzw. RaaS-Modell vermietet, etwa ab 699 Euro monatlich beim Cray X von German Bionic – eine laufende Kostenposition, die sich nie amortisiert, sondern dauerhaft bestehen bleibt. Ein einfacher Dreijahresvergleich verdeutlicht den Unterschied:

Kostenvergleich über drei Jahre
System Bauart Kostenmodell Kosten über 3 Jahre
hTRIUS BionicBack Passiv Einmalkauf ca. 3.000 €
Ottobock Paexo Back Passiv Einmalkauf ca. 5.900 €
German Bionic Cray X Aktiv Leasing / RaaS ca. 25.000 €

Richtwerte auf Basis öffentlich verfügbarer Herstellerangaben, ohne Wartung/Schulung; im Einzelfall abweichend.

Für Anwendungen mit sehr hohen Einzellasten (z. B. Sperrgepäck, sehr schwere Kartons) oder dem Wunsch nach digitaler Auswertung von Bewegungsdaten kann ein aktives System dennoch die richtige Wahl sein. Für die meisten klassischen Kommissionier-, Verpackungs- und Wareneingangsprozesse überwiegt jedoch aus unserer Sicht der Vorteil leichter, günstiger passiver Systeme – eine Einschätzung, die sich mit der zurückhaltenden Haltung vieler Logistikverantwortlicher gegenüber aktiven, motorbetriebenen Lösungen deckt.

Was bringt der Umstieg wirtschaftlich? Eine ROI-Betrachtung

Wie schnell sich ein Exoskelett amortisiert, hängt stark von den zugrunde gelegten Annahmen ab. Als Orientierung einige belastbare Eckwerte:

  • Muskel-Skelett-Erkrankungen verursachen im Schnitt 3,73 Fehltage pro Mitarbeiter und Jahr (DAK-Gesundheitsreport 2024).
  • Ein Krankheitstag kostet ein Unternehmen – unter Einrechnung von Lohnfortzahlung und Produktivitätsverlust – zwischen 250 und 300 Euro.
  • Ottobock gibt an, dass sich Exoskelette über den eigenen ROI-Rechner (Fehltage, Fluktuation, Produktivität, Qualität) meist bereits nach einem Jahr amortisieren – allerdings unter Einbezug weicher Faktoren, nicht allein über vermiedene Fehltage.

Rechenbeispiel (illustrativ, mit vorsichtigen Annahmen)

Ein Team von 10 Kommissionierer:innen wird mit dem BionicBack ausgestattet. Investition: 10 × 3.000 € = 30.000 €. Selbst wenn dadurch nur ein zusätzlicher MSE-Fehltag pro Mitarbeiter und Jahr vermieden würde (10 × 275 € = 2.750 €/Jahr), amortisiert sich die reine Fehltage-Ersparnis erst nach rund elf Jahren – die Fehltage-Vermeidung allein trägt die Investition also nicht. Erst in Kombination mit den schwerer messbaren, aber real wirksamen Effekten wird die Rechnung deutlich besser:

  • Weniger Ermüdung, gleichbleibendes Tempo über die Schicht, besonders in den letzten Stunden
  • Geringere Fluktuation und leichtere Personalgewinnung – in Zeiten von Fachkräftemangel ein zunehmend härterer Standortfaktor
  • Geringeres Unfall-/Verletzungsrisiko und damit potenziell günstigere Berufsgenossenschafts-Beiträge
  • Employer Branding: sichtbare Fürsorge als Argument im Recruiting

Wer nur die reinen Fehltagskosten ansetzt, sollte die Amortisation deshalb realistisch über mehrere Jahre kalkulieren – bei passiven Systemen mit niedrigem Einstiegspreis wie dem BionicBack ist diese Rechnung naturgemäß deutlich entspannter als bei einem dauerhaft laufenden Leasingvertrag für ein aktives System.

Erfolgsfaktoren – und Grenzen der Technik

Ein Exoskelett ist kein Selbstläufer. Für einen erfolgreichen Einsatz sind drei Punkte entscheidend:

Passform und Akzeptanz

Ein unbequem sitzendes Exoskelett wird nicht getragen. Eine Testphase mit den Mitarbeitenden vor der Flächeneinführung ist Pflicht, nicht Kür.

Realistische Erwartungen

Ein Exoskelett reduziert Belastungsspitzen – es ersetzt keine grundlegend schlecht gestaltete Ergonomie am Arbeitsplatz. Regalhöhen, Greifabstände und Taktzeiten gehören weiterhin auf den Prüfstand (siehe dazu auch unseren Beitrag zu Motion-Mining).

Medizinische Rücksprache

Bei bestehenden Rückenproblemen oder anderen gesundheitlichen Einschränkungen sollte die Einführung mit dem Betriebsarzt abgestimmt werden.

Wie bei jeder ergonomischen Maßnahme gilt: Die Analyse des tatsächlichen Bewegungs- und Belastungsprofils sollte am Anfang stehen, nicht die Wahl des Herstellers.

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Häufige Fragen (FAQ)

Besonders für Kommissionierung, Verpackung, Wareneingang, Retourenbearbeitung und Palettieren – überall dort, wo wiederkehrendes Bücken und Heben über die Schicht auftritt. Weniger geeignet sind sitzende oder fahrende Tätigkeiten sowie Arbeiten, die maximale Bewegungsfreiheit erfordern.

Passive Exoskelette speichern Energie mechanisch über Federn und benötigen keinen Akku; aktive Systeme unterstützen motorisiert und batteriebetrieben. Aktive Systeme können höhere Lasten kompensieren, sind aber schwerer, teurer und wartungsintensiver.

Für klassische Kommissionier- und Verpackungsprozesse bietet das passive BionicBack von hTRIUS aus unserer Sicht ein sehr gutes Verhältnis: geringes Gewicht (1,28 kg), einmalige Anschaffungskosten von rund 3.000 Euro und ein AGR-Gütesiegel für die ergonomische Qualität.

Allein über vermiedene Fehltage rechnet sich die Investition meist erst über mehrere Jahre. Bezieht man Produktivität, Fluktuation und Employer Branding mit ein, sprechen Anbieter wie Ottobock von einer Amortisation innerhalb eines Jahres. Bei passiven Systemen mit niedrigerem Anschaffungspreis ist die Rechnung ohnehin deutlich günstiger als bei dauerhaft laufenden Leasingverträgen für aktive Systeme.

Nicht pauschal. Aktive Systeme bieten höhere Kraftunterstützung, wiegen aber deutlich mehr (6–8 kg) und verursachen laufende Kosten im drei- bis vierstelligen Bereich pro Jahr und Mitarbeiter. Für die meisten intralogistischen Standardprozesse überwiegen die Vorteile leichter, günstigerer passiver Systeme.

Faktenbasis (Stand Juli 2026): Handelsblatt-Unternehmensseiten zu hTRIUS, PresseBox, LOGISTIK HEUTE, LOGISTRA, dhf Intralogistik, Fraunhofer IML, Ottobock/SuitX-Unternehmenskommunikation, Forbes, BauVolution, Skelex/Laevo-Herstellerseiten, DAK-Gesundheitsreport 2024, BAuA-Fehlzeitenanalysen.

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